Tutanchamuns Grabbeigaben




4.4 - Tutanchamuns Vasen und Gefäße


"Seine kunstvoll verschnörkelten Gefäße aus halb-durchscheinendem Alabaster rufen Erstaunen hervor, gemischt mit Neugier und Bewunderung. Ihre seltsamen Formen scheinen beinahe dem Wunderland entsprungen."
(Howard Carter)


Über 200 Gefäße aus Ton, Stein, Kalzit, Metall, Fayence und Glas wurden in Tutanchamuns Grab gefunden, die 48 eiförmigen Vorratsboxen in der Vorkammer nicht mitgezählt.
Überwiegend sind es einfache Kannen und Wasserkrüge, Schalen, urnenförmige Amphoren, kleine Opferkrüge und Ölvasen, aber auch Weinkrüge für den Pharao, welche noch ihre individuellen Beschriftungen tragen ("Jahr 5, Granatapfel-Wein von sehr guter Qualität, Haus von Tutanchamun-Herrscher-von-Oberägypten-Heliopolis - Leben! Wohlstand! Gesundheit! - im westlichen Flussdelta").

Den Höhepunkt dieser beachtlichen Ausstattung für das Jenseits bilden jedoch die von Carter genannten Gefäße aus Kalzit , einem Mineral, das auch ägyptischer Alabaster genannt wird. Ihre einzigartigen Ausführungen, ausschweifend und fantasievoll wie das Reich am Nil selbst, zeugen von der Blütezeit des alten Ägypten.
Bei fast allen der gefundenen Vasen waren Deckel oder Stopfen von den noch im Altertum eingedrungenen Grabräubern entfernt und ihr Inhalt - meist kostbare Öle, Harze und Salben - war geraubt worden.

Gold und Silber finden sich nur sehr spärlich unter den Gefäßen des Grabes; auch Glas ist kaum vorhanden. Diese Rohstoffe waren sehr wertvoll, und so wurden derartige Behältnisse wohl ebenfalls ein Opfer der Grabräuber.
Kelch oder Schale in Lotusform mit dem Wunsch nach Glück für Tutanchamun






- Lotuskelch -


Die Bezeichnung "Lotus" (o. "Lotos") bezeichnet im Zusammenhang mit dem Alten Ägypten eigentlich die himmelblaue Wasserlilie (Nymphaea caerulea) oder auch den Tigerlotus (Nymphaea lotus), beides Pflanzenarten aus der Gattung der Seerosen. Diese hatten als Symbol- und Nahrungspflanze im Alten Ägypten verschiedenste Funktionen. Sie standen u.a. für die Wiedergeburt des Sonnengottes.

Die anmutige Form des geöffneten Blütenkelchs bildet die Trinkschale dieses Kalzitgefäßes, das auch als "Wunschtasse" bekannt ist. Die Henkel zu beiden Seiten sind ebenfalls Lotusblüten und -knospen nachempfunden.
Auf diesen ruht jeweils "Heh" , der Gott der Millionen Jahre bzw. der Unendlichkeit. Dieser ist in ähnlicher Darstellung ebenfalls auf dem "Stuhl der Ewigkeit" zu finden und steht für den Wunsch nach ewigem Leben und Millionen Herrschaftsjahren.

Die Vorderseite des Kelches trägt zwei der Namenskartuschen des Pharaos und bezeichnet ihn als "geliebt von Amun-Re, Herr der Throne der Zwei Länder, Herr des Himmels".
Der obere Kelchrand trägt einen magischen Wunsch:
"Möge dein Ka leben, mögest du Millionen von Jahren verbringen;
Du, der du Theben liebst, du sitzt mit dem Gesicht im Nordwind, deine Augen erblicken Glückseligkeit."


Dieser Spruch ist einer der schönsten des Grabschatzes; er sollte Tutanchamun Herrschaft und Wohlergehen, Wiedergeburt und ewiges Leben sichern.
Ob der König einst tatsächlich aus diesem Kelch getrunken hat oder er rein symbolischen Charakter besaß, bleibt ungewiss.
Salbgefäß aus Kalzit (Alabaster) in Form eines Steinbocks aus dem Grab von Tutanchamun

- Steinbock-Salbgefäß -


Der Steinbock, der uns hier so wunderbar naturgetreu entgegenblickt, ist eigentlich ein Salbgefäß. Der Hals des Gefäßes, der sich auf dem Rücken des Tieres befand, ist allerdings abgebrochen, so dass die schmale Öffnung kaum zu sehen ist. Das echte Horn eines Steinbock-Jungtieres ist rechts noch vorhanden, links fehlt es.
Wie bei vielen der anderen Gegenstände war also auch mit diesem Stück nicht gerade vorsichtig umgegangen worden; man fand es auf dem Boden unter dem Chaos der Seitenkammer.

Die Details des Körpers wurden mit dunkelblauer Farbe auf den Kalzit aufgetragen, ebenso die Kartusche mit dem Thronnamen Tutanchamuns. Die Zunge, die der Steinbock blökend herausstreckt, besteht aus rot gefärbtem Elfenbein. Die lebensechten Augen aus Quarz wurden von hinten bemalt und in Kupfer eingelegt.
Die Entnahme der Salbe aus dem Bauch des Tieres stellte sich wohl eher schwierig dar. Welches Zubehör man dazu benutzte, ist noch unklar.

Der nubische Steinbock, der vermutlich als Vorlage diente, wurde zur Zeit Tutanchamuns gerne gejagt und lebt noch heute in Teilen Ägyptens.
Salbgefäß aus Kalzit (Alabaster) mit ruhendem Löwen aus der Grabkammer Tutanchamuns

- Salbgefäß mit Löwendeckel -


Der Löwe war eines der am meisten verehrten Tiere im alten Ägypten. Seine Stärke und Mut sollten auf den Pharao übergehen und ihn beschützen. Auch das Exemplar, das sich hier mit übereinandergelegten Tatzen auf dem Deckel niedergelassen hat, sollte vermutlich diesem Zweck dienen.
Gefunden wurde das Kalzitgefäß zwischen dem ersten und zweiten Schrein, die ineinander verschachtelt die Grabkammer mit der Mumie Tutanchamuns ausfüllten. Als man den Löwendeckel öffnete, fand man sogar seinen Inhalt unversehrt vor: Etwa 450 g einer fettigen Masse, die laut Analyse aus Tierfett und Balsamharz bestand. Vielleicht wurde diese während der Bestattungszeremonien verwendet, z.B. um den Leichnam des Pharaos zu salben.
Der Schiebedeckel, auf dem der Löwe ruht, wurde mit einer Schnur verschlossen, welche um die Knöpfe aus rot gefärbtem Elfenbein (auf dem Deckel und an der Seite des Gefäßes) gebunden wurde.

Die Augen des Löwen sind vergoldet und mit Details in schwarz bemalt. Die aus dem Maul hervorhängende Zunge aus Elfenbein wurde wie die Knöpfe hellrot eingefärbt. Die weiteren Feinheiten seines Körpers wurden eingeritzt und teils mit dunkelblauer Farbe hervorgehoben. Ebenso die Kartusche auf der Schulter des Tieres, die mit "der gute Gott Neb-Cheperu-Re" den Thronnamen Tutanchamuns enthält.
Das Gefäß wird an beiden Seiten von zwei lotusförmigen Säulen flankiert, die jeweils den Kopf des Gottes "Bes" tragen. Die herausgestreckten Elfenbeinzungen des zwergenhaftigen Wesens, das Böses abhalten sollte, sind ebenfalls leuchtend rot. Die Lotusblüten der Säulen sind dunkelgrün bemalt, die Zierbänder vergoldet. Auf den bauchigen Stängeln finden sich die Titel des Pharaos.

Der Gefäßkörper wurde mit Darstellungen von Jagdszenen verziert. Sie zeigen Löwen und Jagdhunde, die Stiere, Steinböcke, Gazellen und Wüstenhasen attackieren. Verschiedene Wüstenpflanzen deuten die natürliche Umgebung der Szenerie an.
Die Motive treten in der hellen Farbe des Kalzits aus dem mit schwarz gefüllten Hintergrund hervor, nur ihre markanten Merkmale wurden mit schwarzen Linien betont. An wenigen Stellen haben sich auch Reste von rötlicher Bemalung erhalten.
Die Umrahmung des Gefäßrandes zeigt oben ein Muster aus herabhängenden Blättern und gewellten Linien, unten aus "Serech"-Formen, eines Hieroglyphensymbols in Gestalt eines Rechtecks, das eine stilisierte Palastfassade darstellt.
Das Gefäß steht auf einem Podest aus vier rechtwinklig überkreuzten Stützen, die mit Köpfen zweier mit Ägypten verfeindeter Volksgruppen enden. Die Köpfe an Front- und Rückseite mit schwarzer Hautfarbe und kleinen Ohrringen aus Elfenbein repräsentieren Nubier , an den Querseiten schauen rotbraune Asiaten mit dunklen Bärten hervor. Die Dominanz des ägyptischen Königs über die unterjochten Völker wird somit hier einmal mehr verdeutlicht.
Tutanchamuns Alabasterboot mit Wasserbecken, besetzt mit Steinbockköpfen, einem Pavillon und weiblichen Figuren

Junge ägyptische Frau mit Lotusblüte am Bug eines Alabasterbootes mit dem Kopf eines Steinbocks

- Wasserbecken mit Boot -


Eines meiner persönlichen Lieblingsstücke ist diese einzigartige Kalzitskulptur, bei der schon Howard Carter annahm, dass das truhenförmige Becken einst mit Wasser oder einer anderen Flüssigkeit gefüllt wurde, und die gebogene Barke somit darauf zu schwimmen schien.

An Bord steht ein großer Pavillon oder Schrein , dessen Form an den "Trajan-Kiosk" auf der Nilinsel Philae erinnert. Das Dach wird von vier Säulen mit Kapitellen in Lotus- und Papyrusform getragen, die in grün, rot und blau bemalt und mit schimmerndem Blattgold verziert sind. Rundum verläuft eine halbhohe Mauer mit einem rot-blauen Fries aus langstieligen Lotus- und Paypruspflanzen sowie verschiedenen Mustern.

Auf der einen Seite des Pavillons, bugwärts gewandt, sitzt eine nackte junge Frau. Ihre fein geschnitzten Gesichtszüge wurden mit dunkelblauen Pinselstrichen betont. Sie trägt eine graugrüne Perücke, goldene Ohrringe sowie einen goldenen Armreif und zwei Armbänder aus winzigen bunten Perlen. In der linken Hand hält sie eine Lotusblüte aus Elfenbein, in der rechten Hand befand sich offensichtlich auch ein Gegenstand, der aber nicht gefunden wurde.
Auf der anderen Seite steht ein weiblicher Zwerg , ebenfalls nackt und ähnlich geschmückt, nur die Perücke besitzt hier einen auffällig großen Seitenzopf. Zur Zeit der Entdeckung des Grabes hielt die Zwergin einen langen Staken in beiden Händen, mit dem sie das Boot steuerte, dieser ging aber offenbar verloren.

Bug und Heck des Bootes bilden die naturgetreuen Köpfe von Steinböcken mit echten Hörnern, von denen eines fehlt. Beide haben durchstochene Ohren, die einmal Ohrringe trugen, von denen nur noch einer erhalten ist (im Bild nicht sichtbar). Die Augen der Tiere sind aus Quarz, von hinten bemalt und mit Bronze umrandet, die Hälse zieren kunstvolle Kragen mit Einlagen aus buntem Glas und Blattgold. Die Musterungen des Fells wurden mit dunkelblauer Farbe aufgetragen.

Die Barke ruht auf einem Sockel in der Mitte des Beckens, ähnlich einer kleinen Insel, seitlich bemalt mit Papyruspflanzen. Das Becken selbst ist an den Außenseiten rundherum mit floralen und geometrischen Ornamentreihen bedeckt, bis auf eine der Schmalseiten - dort finden sich die Namenskartuschen von Tutanchamun und seiner Gemahlin Anchesenamun.
Flankiert werden diese von zwei Kobras, eine mit der weißen Krone Oberägyptens, die andere mit der roten Krone Unterägyptens.

Die Symbolik der Szenerie, wie z.B. die Nacktheit der dargestellten Figuren und die Präsenz des Lotus, steht unter anderem für Fruchtbarkeit und Wiedergeburt. Außerdem ähnelt das Boot der heiligen Barke altägyptischer Tempel, wo anlässlich festlicher Prozessionen eine kleine Götterstatue in den Schrein in der Mitte der Barke gestellt wurde.
Da das Becken die Namen des königlichen Paares trägt, ist es gut vorstellbar, dass das edle Stück einst seinen Platz in den Privatgemächern von Tutanchamun und seiner Frau hatte, um sie - wie auch heute noch uns - mit seinem Anblick zu erfreuen.
Altägyptische Lampe aus Alabaster (Kalzit) in Lotusform aus der Grabkammer Tutanchamuns

- Alabasterlampe in Lotusform -


Nicht nur als Behälter für Salben, Öle oder Wasser wurden Kalzitgefäße im alten Ägypten genutzt, auch als schmuckvolle Lampen fanden sie Verwendung.
Ihre Schalen oder Kelche waren etwa halbvoll mit Öl gefüllt, in welches ein schwimmender Docht getaucht und angezündet wurde. Die Flamme schimmerte durch den halbtransparenten Alabaster und erleuchtete eingeschnitzte Formen oder aufgetragene Malereien von innen heraus.

Die Lampe in der Form dreier Lotusblüten mit zwei Blättern wurde ebenfalls in der Grabkammer gefunden. Sie ist aus einem einzigen Kalzitblock gefertigt und steht auf einem runden Sockel. Die Kelchblütenblätter sind mit feinen Gravierungen an den Außenseiten gestaltet, entsprechend ihrem natürlichen Vorbild.

Als man sie entdeckte, enthielten alle Kelche der Lampe noch immer Spuren des originalen Öls , das einst zur Verbrennung darin enthalten war.
Ein magischer Anblick muss es gewesen sein, wenn derartige Lichtquellen zur Abenddämmerung in den Gärten des Königshofes flackerten oder das Dunkel der Wände von Tutanchamuns Palast erleuchteten.
Altägyptische Öl- oder Salbvase aus Alabaster (Kalzit) mit blütenartigen Verzierungen aus Tutanchamuns Grab

- Alabastervase -


Die in der Seitenkammer gefundene Vase wurde mit drei Reihen von Einlegearbeiten verziert, die sich wie Girlanden um ihren schlanken Hals winden.
In der ersten und dritten Reihe bestehen die blütenblattartigen Dreiecke aus dunkelblauer Fayence, in der Mitte aus hellem Kalzit und abwechselnd dunkelgrüner und -blauer Fayence. Winzige schwarz-weiße Glasquadrate sitzen über jeder Reihe.

Auch hier fanden sich noch leichte Rückstände des ursprünglichen Inhalts, vermutlich Öl oder Salbe.
Eine beinahe identische Vase lag an einer anderen Stelle in der Kammer.
Der Nilgott Hapi vollzieht die Reichseinigung Ober- und Unterägyptens auf dieser mit Lilien und Papyrus umschlungenen Vase aus dem Grab Tutanchamuns

- Kalzitvase mit dem Nilgott Hapi -


Es ist kaum zu glauben, mit wieviel Symbolik manches Objekt aus dem Grab ausgestattet sein kann. Diese opulent gestaltete und geschmückte Salb- oder Parfumvase ist ein solch symbolträchtiges Stück.
Insgesamt besteht sie aus vier einzelnen Teilen Kalzit, die zusammengefügt wurden. Als Teil des ausladenden Deckels wacht ganz oben die Geiergöttin "Nechbet" , die Personifikation Oberägyptens, mit ausgebreiteten Flügeln. Sie trägt die "Atef"-Krone, Symbol der Herrschaft über die beiden Länder.
Die Reichseinigung Ober- und Unterägyptens ist es auch, welche das zentrale Element der Vase bildet. Die verschlungenen Stängel der Wappenpflanzen Lotus für Oberägypten und Papyrus für Unterägypten werden von "Hapi", dem Gott der Nilflut , um den Hals der Vase geknotet und so miteinander verbunden.
Somit begegnet uns hier wieder das altbekannte "Sema-taui", das Emblem der Vereinigung der beiden Länder. Die stilisierte Luftröhre, der zentrale Teil des Emblems, bildet hier der Körper der Vase.

Die zwei androgynen Verkörperungen des Gottes Hapi sind mit Hängebauch und -brust dargestellt und tragen blaugestreifte Kopftücher, Armreifen sowie Lendenschurze.
Jede der Figuren steht für einen der beiden Landesteile. Die eine trägt als Symbol für Oberägypten ein Lilienbüschel auf dem Kopf, die andere ein Papyrusbüschel für Unterägypten. In den Armen halten sie zwei lange Zepter, das eine gekrönt von einer Lilienblüte, das andere von einer Papyrusblüte. Auf diesen Blüten sitzen zwei Uräusschlangen, von denen eine die rote Krone Unterägyptens und eine die weiße Krone Oberägyptens trägt, und deren Leiber sich um die Zepterstäbe winden.
Der Gott Hapi galt als göttliche Erscheinungsform der Nilflut, die jedes Jahr durch die Überschwemmung der Ufer fruchtbaren Nilschlamm hinterließ und so die Grundlage für die reichhaltige Nahrungsversorgung und den Aufstieg des ägyptischen Reiches bildete. Damit stand er auch generell für die Fruchtbarkeit des Landes, denn ohne den Nil wäre Ägypten fast ausschließlich Wüste.
So zeugt dieses üppige Gefäß nicht nur von Pracht und Überfluss am ägyptischen Hof, sondern auch von der Verehrung der Fruchtbarkeit des Nils , die auf Tutanchamun und seine Gemahlin übergehen sollte.

Die durchbrochen gearbeitete Illustration des Ständers, die sich rundherum fortsetzt, zeigt den Thronnamen Tutanchamuns zwischen den schützenden Flügeln des Falkengottes "Re-Harachte" mit Sonnenscheibe; die Basis bilden drei Zeichen für "Gold". Das "Was"-Zepter auf beiden Seiten der Kartusche verdeutlicht die Herrschaft des Königs.
Einzelne Details der Vase, wie die Armreifen und Pflanzenbüschel der Götterfiguren, die Ansätze von Blütenkelchen oder die Uräen sind mit dünner Goldfolie überzogen. Ansonsten wurde mit dunkelblauer und roter Farbe gearbeitet, während die Körper der Uräen mit roten und blauen Lapislazuli-Einlagen versehen sind.
Fest verschlossen durch einen Stopfen, der mit Leinenbandagen umwickelt war, hatte sich der Inhalt der Vase - aromatische Harze gemischt mit fetthaltigen Substanzen, vermutlich eine einstmals duftende Salbe - im Laufe der Jahrtausende ausgedehnt und verbog das Pflanzen-Ornament dadurch regelrecht. Howard Carter säuberte das Innere deshalb von den Resten und musste auch einen Bruch des Vasenhalses reparieren.
Die Entnahme der Salbe dürfte auch hier mehr als schwierig gewesen sein, doch derartige Gefäße waren wohl weniger auf den praktischen Nutzen als auf symbolische Wirkung ausgelegt.

Der vertikale Hieroglyphentext auf dem Hals lautet:
Der gute Gott, Herr der beiden Länder, Neb-Cheperu-Re
Der Norden und der Süden sind für dich vereint unter deinen Sandalen
So wirst du auf dem Thron des Horus sein, wie Re, ewiglich.


Auf dem Bauch der Vase ist links eine Papyrusstaude abgebildet, an deren Spitze die Schlangengöttin "Uto" (auch "Wadjet") sitzt. Sie galt als Landesgöttin von Unterägypten. Zusammen mit den einzelnen Zeichen um sie herum ergibt sich der Satz: "Uto, sie gewährt Leben und Macht" .
Auch auf den Schmalseiten des Ständers (im Bild nicht zu sehen) taucht sie auf, dort als Schlange mit Flügeln.

Der Haupttext auf dem Bauch der Vase lautet:
Der gute Gott, Herr der beiden Länder, Neb-Cheperu-Re
Sohn des Re, Herr der Diademe
Tutanchamun, Herrscher des südlichen Iunu
dem Leben geschenkt wurde, wie Re, ewiglich.
Die große königliche Gemahlin, Anchesenamun
lebend und gedeihend.
Alabastervase aus dem Grab Tutanchamuns mit dem Kopf der Göttin Hathor und Stengeln von Papyrus und Lilie

- Kalzitvase mit Kopf der Göttin Hathor -


Zusammen mit mehreren anderen Kalzitvasen ganz ähnlichen Typs stand diese Vase zwischen den Ritualbetten in der Vorkammer. Die Vereinigung der Zwei Länder bildet auch hier das zentrale Motiv, dessen meisterhaft geschwungene Ranken aus Papyrus und Lilie sich um den Vasenhals knoten und so miteinander verbinden.
Auffällig an diesem Stück ist jedoch die Darstellung der kuhköpfigen Göttin Hathor , die oben am Vasenhals prangt. Ihr in erhöhtem Relief gearbeiteter Kopf trägt eine Perücke und einen Halskragen, von dem eine Lotusblüte und zwei Knospen herabhängen. Diese Details wurden eingeschnitzt und mit schwarzer Farbe ausgefüllt.
Hathor hatte zahlreiche göttliche Funktionen, u.a. galt sie als allumfassende Muttergottheit, Göttin der Liebe, Beschützerin aller weiblichen Wesen und als Behüterin der Toten.

Die zwei äußeren Bögen, die das Rankenwerk aus Stengeln flankieren, stellen eingekerbte Palmenrispen dar; zusammen mit dem schwarz aufgemalten Symbol der Kaulquappe auf dem "shen"-Ring an ihrer Wurzel stehen sie für die "Ewigkeit" .
Der Bauch der Vase trägt oben eine Blütengirlande sowie die Kartuschen mit den Namen des Pharaos. Eine Borte aus spitzen Blütenkelchen zieht sich darunter entlang.
Der Ständer wurde aus einem zweiten Stück Alabaster angefertigt und wird von zwei "Anch"-Zeichen mit Armen flankiert, die "Was"-Zepter auf beiden Seiten in den Händen halten. "Leben" und "Macht" vereinen sich also erneut in dieser Symbolik.

Das rötlich-braune Harz, das sowohl zwischen den Nahtstellen von Ständer und Vasenoberteil als auch am Ausguss erkennbar ist, wurde als Kitt eingesetzt, um die beiden getrennten Stücke bzw. den Deckel zu befestigen.
Der Inhalt der Vase bestand aus einer dunklen, fettigen Substanz; vermutlich Duftöl oder Salbe .
Salbgefäß in Form eines Löwen aus Alabaster vom Grabschatz des Tutanchamun Salbgefäß in Form einer Löwenstatue aus dem Grab des Tutanchamun

- Löwen-Salbgefäß -


Anders als bei dem Gefäß mit Löwendeckel (siehe oben) bildet hier ein aufrecht stehender Löwe das eigentliche Gefäß. In seinem hohlen Körper wurden Reste einer fettigen Masse gefunden, vermutlich ebenfalls einst ein duftender Balsam.
Der mythische Löwe aus durchscheinendem Kalzit steht aufgerichtet auf seinen Hinterbeinen, hat seine rechte Tatze zu einer Drohgebärde erhoben, während seine linke auf der Hieroglyphe für "Schutz" liegt. Seine aus Elfenbein geschnitzten spitzen Raubtierzähne flößen Respekt ein und die lange Zunge aus rot gefärbtem Elfenbein hängt zwischen ihnen aus dem Maul. Nase und Augen wurden eingraviert und mit blauen Pigmenten umrandet, die Augen danach vergoldet.

Die Ohren sind mit winzigen Löchern durchstochen, wohl um goldene Ohrringe zu tragen, die aber nicht gefunden wurden. Auch die einzelnen Finger der Tatzen tragen Vertiefungen an ihren Spitzen, in denen vermutlich einmal goldene Krallen saßen; der Handwurzelballen ist dunkelblau betont. Der lange Schwanz wurde an seinem wulstigen Ende geringelt mit dunkelblauer Farbe bemalt. Einkerbungen an Kopf und Körper verdeutlichen Fell, Mähne und Rippen des Tieres.
Die Krone mit kariertem Muster und Blumenornamenten dient als Deckelaufsatz, den man in der Nähe auf dem Boden fand; der eigentliche Deckel war fest mit Leinen umwickelt und zugebunden worden.

Der Löwe steht auf einem mit rot-blau-grünen Blütengirlanden und Gitterwerk verzierten Ständer, ähnlich einem kleinen Tisch.
Auf seiner Brust finden sich die eingravierten und mit dunkelblauen Pigmenten ausgefüllten Namenskartuschen von Tutanchamun und Anchesenamun , was die Vermutung nahelegt, dass das Gefäß mitsamt Inhalt zum Privatbesitz des Königspaares gehörte. Das königliche Tier in seiner Abwehrhaltung stellte wohl einen stillen Wächter dar, dessen Macht und Schutz auf das junge Paar übergehen sollte.
Vogelküken mit Eiern auf einem Vasendeckel aus Alabaster vom Grabschatz Tutanchamuns

- Deckel mit Vogelküken im Nest -


Neugierig den Hals reckend und schnatternd, mit wohl noch feuchten Flügeln flatternd, erscheint dieses Küken wie gerade eben erst geschlüpft. Sein Nest mitsamt Eiern ist ein schalenförmiger Deckel , der in der Seitenkammer gefunden wurde. Howard Carter hielt ein zerbrochenes Gefäß aus der Vorkammer für den fehlenden Unterteil des Stücks.
Das Küken selbst besteht aus Holz, das braun bemalt und dessen Körpermerkmale sowie Schnabel und Flügel mit schwarzer Farbe betont wurden; die Zunge besteht aus hellrot gefärbtem Elfenbein. Die Eier und der Rest des Deckels sind aus Kalzit.

Das Ei stand im alten Ägypten als ein Sinnbild für das Leben und die Fruchtbarkeit ; teilweise war es Priestern verboten, Eier zu essen. Im Entstehungsmythos des Gottes Amun schlüpft dieser aus dem Ei des "großen Schnatterers" und wohnt auf dem Wasser wie eine Nilgans. Auch im großen Aton-Hymnus , verfasst von Tutanchamuns Vater Echnaton, findet sich eine interessante Stelle:

"Das Küken im Ei piepst bereits durch die Schale,
weil du ihm darin Luft gibst, um es leben zu lassen;
nachdem du seinen Zeitpunkt bestimmt hast,
durch das Ei zu brechen,
kommt es heraus aus dem Ei,
um sogleich zu piepsen und auf seinen Beinen zu laufen,
sobald es aus ihm herauskommt."
Goldenes Doppelgefäß für Kosmetik aus zwei Königskartuschen des Pharao Tutanchamun

- Kosmetikbehälter als Doppelkartusche -


Einer der wenigen metallischen Gegenstände aus Tutanchamuns Grab; er zeigt altägyptische religiöse Kunst auf höchstem Niveau.
Die Form des Behälters entspricht 2 Namenskartuschen , wie sie in der Hieroglyphenschrift um die Namen der altägyptischen Könige und Königinnen gezogen wurden. Die Straußenfedern der "Maat" , das Zeichen für die stabile kosmologische Weltordnung im alten Ägypten, schmücken die Oberseite vieler Kartuschen.

Hier wurden die Federn mit buntem Glas eingelegt, die Sonnenscheiben bestehen aus Karneol. Innerhalb der Kartuschen, deren Ränder mit dem leuchtenden Blau des Lapislazuli gefüllt sind, finden sich - auf Vorder- und Rückseite des Gefäßes - jeweils 2 Darstellungen von Tutanchamun in geprägtem Goldrelief.
Auf dieser Seite ist er mit rasiertem Kopf und Jugendlocke zu sehen, dem Zeichen für Kindheit; er trägt aber auch die königlichen Herrschaftszeichen: Uräus auf der Stirn, Zepter und Geißel in den Händen. Vermutlich belegt dies den Umstand, dass Tutanchmun bereits als Kind den Thron bestieg.
Bekleidet mit einem plissierten Gewand und einem bunt eingelegten Halskragen sitzt der junge König auf einem Korb, der ebenfalls mit einem Muster aus buntem Glas verziert wurde. Über ihm schwebt jeweils noch eine Sonnenscheibe , auch aus Karneol, aus deren Seiten Uräusschlangen wachsen, die "Anch"-Zeichen tragen. Auf der anderen (hier nicht sichtbaren) Seite ist er bereits in fortgeschrittenem Alter und mit blauer Krone abgebildet, die ihn ebenfalls als Thronerben ausweist.
Wenn man nun diese 3 Symbole - den "Neb"-Korb, die Figur des Königs als "Cheper" (Gott des Sonnenaufgangs) und die Sonnenscheibe "Re" - als zusammengehörig interpretiert, ergibt sich daraus der Thronname Tutanchamuns, "Neb-Cheper(u)-Re" ("Herr an Gestalten, ein Re").

Auf den äußeren Seiten der Kartuschen ruht "Heh", der Gott der Ewigkeit, in purem geprägtem Gold. Neben seinen typischen Zeichen, wie den gekerbten Palmzweigen und "shen"-Ringen, finden sich die zwei Namen des Pharaos sowie eine weitere Darstellung seines Thronnamens als geflügelter Skarabäus mit Sonnenscheibe auf einem Korb.
Der rechteckige Sockel besteht aus Silber, die Vorderseiten ziert ein Band aus "Anch"-Zeichen und "Was"-Zeptern für "Leben" und "Herrschaft". Die Unterseite zeigt Gravierungen von fliegenden Enten inmitten der Marschlandschaft des Nil, die an die "Amarna"-Zeit erinnern.

Howard Carter fand im Innern des Gefäßes Reste einer stinkenden braunen Substanz, einst eine parfürmierte Salbe , mit der man vermutlich bei der Begräbniszeremonie den Leichnam des verstorbenen Pharaos gesalbt hatte.
Vase in Form eines Granatapfels aus dem Grab Tutanchamuns

- Granatapfelförmige Silbervase -


Die einzige große Metallvase aus dem Grab ist der Form eines Granatapfels nachempfunden und wurde auf der Seite liegend vergraben unter anderen Gegenständen im Chaos der Seitenkammer gefunden. Sie hatte eines ihrer 9 Blütenblätter verloren, die den gezackten Kranz des Ausgusses bilden, und mehrere waren verbogen. Der Stopfen aus Binsengeflecht, mit dem sie ursprünglich verschlossen war, wurde zusammen mit dem abgebrochenen Blütenblatt im Innern der Vase gefunden.
In den Resten des nicht mehr indentifizierbaren dunkelbraunen Materials, das sie noch enthielt, klebten Dutzende kleiner toter Käfer .
Um Hals und Schulter der Vase zieht sich ein Blütenblattmuster, der Bauch ist mit einem Band aus Kornblumen und Olivenblättern verziert.

Das verwendete Metall besteht nicht aus reinem Silber, sondern aus einer Legierung aus Gold und Silber, weswegen es eigentlich eher als Elektrum anzusehen ist, mit dem u.a. auch die Spitzen ägyptischer Pyramiden und Obelisken überzogen waren und in der Sonne glänzten.

Der Granatapfelbaum war vermutlich etwa ein Jahrhundert zuvor durch die Kriegszüge Pharao Tuthmosis' III., einem direkten Vorfahren Tutanchamuns, von Asien nach Ägypten gebracht worden. Wohl durch diesen Neuheitswert wurde seine Frucht zu einer beliebten Gefäßform im Neuen Reich.






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